Wären wir alle Egoisten, würde es nicht funktionieren

Zahnmedizinstudierenden auf den Zahn gefühlt. Extremer Lerndruck, hohe Kosten, plötzliche Prüfungsangst – und nach dem Examen drohen Wettbewerbsdruck und Bürokratielast. Warum studieren junge Menschen heute noch Zahnmedizin? Und welche Sorgen und Nöte bewegen Studierende?

„NACH VIELEN TRÄNEN UND SCHLAFLOSEN NÄCHTEN erscheint es mir am Ende jedes Semesters immer wie ein kleines Wunder, dass ich alles hinbekommen habe. Auch Glück und Beziehungen spielen mit hinein – Faktoren, die Studierende nicht beeinflussen können.“.
Nicht wenige Studierende der Zahnmedizin scheint das Studium extrem zu belasten, wie in dieser anonymen Aussage gegenüber der DFZ-Redaktion geschildert. Auch Dr. Nele Kettler schreibt in ihrer Masterarbeit „Antizipatorisches Berufsbild und Sozialisation von Studierenden der Zahnheilkunde – ein nationaler Survey“ von 2015:
Viele „fühlen sich häufig oder sehr häufig aufgrund des Studiums ausgelaugt (77,9 Prozent) und müssen oft in der freien Zeit für das Studium arbeiten (79,7 Prozent)“. Daher sei „die Life-Domain-Balance der Studierenden zugunsten des Studiums verschoben“.
Gerade in den klinischen Semestern haben manche angehenden Zahnmedizinerinnen und  Zahnmediziner den Eindruck, hart zu arbeiten, statt zu studieren. Nicht selten gehen die Veranstaltungen an der Universität – auch wenn das stark von Semester zu Semester und von Uni zu Uni variieren kann – von acht Uhr morgens bis spätnachmittags; danach wird oft bis 20 Uhr noch im Institut praktisch geübt oder gelernt. Statt danach noch auszugehen, heißt es: früh genug schlafen gehen, um für die Behandlung am nächsten Morgen fit zu sein. „Von dem, was man unter einem Studentenleben versteht, habe ich eigentlich nichts“, beschreibt eine Studentin der DFZ-Redaktion
ihren Alltag.

 

FVDZ_StuPa_Bild Motivierend wirkt auf viele auch der
Zusammenhalt unter den Kommilitonen.
„Sonst würde keiner dabeibleiben“,
vermutet eine Studierende.
„Wären wir alle Egoisten, würde das
Studium auch nicht funktionieren.“

ENORMER AUFWAND: PATIENTENREKRUTIERUNG


Neben ihrem vollen Stundenplan müssen sich Hochschüler einiger Universitäten (beispielsweise in Ulm und Göttingen) auch noch um die Rekrutierung von Patienten kümmern, weil es oft nicht genug Patienten für alle Kommilitonen im Semester gibt – ein enormer organisatorischer Aufwand nebenbei. Und da Patienten hin und wieder kurz vorher oder gar nicht absagen, heißt dies: jeden Tag flexibel sein.
Da liegen Nerven schon mal blank. Schließlich hängt davon, ob ein Patient erscheint oder plötzlich abspringt, auch ab, ob man einen Kurs besteht.
Und nicht nur von der Termintreue der Patienten ist der Erfolg der Studierenden mit abhängig, sondern auch von ihren Betreuern. Und diese „haben selbst oft noch keine große Erfahrung, wenn sie direkt aus dem Examen kommen und dann Vorkliniker oder Kliniker betreuen sollen!“, schreibt ein Student an die DFZ-Redaktion. Wen wundert es da, dass es manchen ergeht wie Studentin B.: Sie hatte nie Angst vor Klausuren, nicht einmal im mündlichen Abitur, doch seit der ersten Anatomieprüfung leidet sie unter Prüfungsangst. Trotzdem fühle sie sich gut auf das Arbeitsleben später vorbereitet, wie sie der DFZ-Redaktion berichtet – so wie auch die meisten der von Kettler für ihre Masterarbeit Befragten: Demnach halten sich 81,8 Prozent beziehungsweise 54,3 Prozent dank des Studiums„in der Zahnerhaltungskunde und Parodontologie mehrheitlich für gut oder sogar sehr gut auf die Praxis vorbereitet“. Allerdings befinden viele „die Vorbereitung in der Kinder- und der Alterszahnheilkunde sowie der Zahnärztlichen Chirurgie eher für schlecht oder sehr schlecht (41,8 Prozent, 38,9 Prozent und 40,0 Prozent)“. Kettler führt dies „eventuell auf unterschiedlich intensiven Patientenkontakt in den verschiedenen Fächern zurück“.

WARUM ZAHNMEDIZIN?


Warum entscheiden sich junge Menschen heute trotz konstanten Lerndrucks, Freizeitmangels und Prüfungsangst  eigentlich noch für ein Studium der Zahnmedizin?
Für die 1.367 von Dr. Kettler für ihre Masterarbeit befragten Studierenden war vor allem „der Kontakt mit Menschen (69,3 Prozent)“ ausschlaggebend, gefolgt von der „handwerklichen Komponente des Berufs (62,4 Prozent)“ und „dem späteren guten Einkommen (58,9 Prozent)“.
Ein offenbar typisches Entscheidungsverhalten für die heutigen Studierenden, in der Mehrheit Vertreter der sogenannten Generation Y: Für die „Ypsiloner“ haben finanzielle Anreize in Beruf oder Karriere einen geringeren, Freizeit und Zeit für die Familie dagegen einen hohen Stellenwert. Sie seien laut Kettler „lernbereit, eine gute Ausbildung wird gefordert“, und sie gingen „selbstbestimmt ihren Weg“, wobei sie den Beruf „den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen anpassen“. Damit sind, genau wie jede Generation vor ihnen, offenbar auch die Ypsiloner Kinder ihrer Zeit: In allen Bereichen verwischen heutzutage „die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit, es kommt zum sogenannten Work-Life-Blending“, schreibt Ketter. „Die Arbeit soll fordern und gleichzeitig Spaß machen. Dabei wird vieles, auch lange bestehende Strukturen (...), hinterfragt (…).“ Und doch: Auch wenn viele ihre Studienwahl gerade während „Durststrecken“ zwischenzeitlich in Frage stellen, würden sich die meisten wieder für ein Studium der Zahnheilkunde entscheiden: Laut Kettlers Studie stimmten 36,6 Prozent der Befragten mit „auf jeden Fall“ wieder, mit „eher ja“ antworteten 38,6 Prozent. „Eher nein“ und „auf keinen Fall“ nochmal diesen Studiengang gaben 18,9 respektive 5,9 Prozent an. Auch Elena Blankenburg, die im fünften Semester an der Universität Greifswald studiert, würde sich in jedem Fall wieder für das Zahnmedizinstudium entscheiden – auch wenn sie sorgenvoll auf eine Reform der Approbationsordnung (s. Seite 26, 27) blickt und Angst davor hat, dass „Großstrukturen kleine Praxen irgendwann über den Haufen rennen“. Für Blankenburg ist das aber kein Argument, es „nicht wenigstens in der Niederlassung zu versuchen. Das ist einer der Hauptgründe für mich für die Berufswahl.“
Auch Yannick Vogt, Student im siebten Semester, motiviert im Studierendenalltag und in Lernzeiten „die Aussicht, selbstständig behandeln zu können und dass dadurch viele Patienten nicht auf der Strecke bleiben“. Er hofft, dass „die Arbeit als selbstständiger Zahnarzt auch später noch möglich ist und es nicht irgendwann nur noch profitorientierte Medizin und Zahnmedizin gibt.“

STUDIE


Viele Studierende sehen ihre Zukunft offenbar in der Niederlassung. Allerdings erfolgt der Schritt in die Selbstständigkeit heutzutage später: Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) betrug das Durchschnittsalter bei Erstniederlassung im Jahr 2017 ganze 35,5 Jahre. Nur 15 Prozent der Existenzgründer waren 30 Jahre oder jünger. Die Mehrheit mit 69 Prozent ließ sich im Alter zwischen 31 und 40 Jahren und 16 Prozent erst mit über 40 Jahren nieder. Männer wagen den Schritt durchschnittlich knapp zwei Jahre später als Frauen.

 

Autorin: Maike Raack (FVDZ-Redaktion)

Das StuPa auf Instagram: fvdz.stupa.
Kontakt über Marvin Berchem, FVDZ-Ansprechpartner für Studierende und Berufseinsteiger:
mb@fvdz.de oder unter 0228 8557-33.

Zurück