Verraten und verkauft?

Investoren in der Zahnarztpraxis. Frisch approbierte Zahnärzte wünschen sich heute ein Leben in der Stadt oder in Stadtnähe, kollegiale Zusammenarbeit in einer Mehrbehandlerpraxis und geregelte Arbeitszeiten. Doch die freie Berufsausübung scheint aus Studentenperspektive in Gefahr. Ein Kommentar.

Kapitalgesellschaften haben vor einiger Zeit die zahnmedizinische Branche in Deutschland ins Visier genommen und nutzen nun die Bedürfnisse der jungen Zahnärztegeneration für sich, um in einen Markt einzudringen, der lange vor Investoren geschützt war.

Die rechtlichen Weichen für einen entsprechenden Markteinstieg wurden auf Europaebene längst gestellt und 2004 für fachgruppenübergreifende sowie 2015 für fachgruppengleiche Versorgungszentren in die deutsche Gesetzeslage implementiert. Seither gewinnt internationales Finanzkapital Marktanteile in der zahnärztlichen Versorgung, allen voran die Colosseum Dental Group der Jacobs Holding AG, eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Zürich. Die Jacobs Holding AG hat bereits die Zahnarzt-Kette Colosseum Smile in Skandinavien, die Southern Dental in Großbritannien und zuletzt die Kette Swiss Smile übernommen. Die Holding besitzt aktuell mehr als 150 zahnmedizinische Versorgungseinrichtungen in Skandinavien, Großbritannien, der Schweiz und Italien mit einem Gesamtumsatz von über 300 Millionen Euro und mit über 650 zur Gruppe gehörenden Zahnärzten und zahntechnischen Laboren.

Auch Zahnarztpraxen in Deutschland oberhalb einer gewissen Umsatzgrenze haben bereits Angebote zur Praxisübernahme erhalten. Was folgt, wenn Fremdinvestoren in eine Branche eindringen, ist schnell nachzuvollziehen: Erst werden Marktanteile gewonnen, indem Praxen von Ruheständlern oder Abgabewilligen aufgekauft werden, die ihre Praxen aufgrund der niedrigen Nachfrage nicht loswerden, aber an Ketten für „Mondpreise“ verkaufen können.

Diese Entwicklungsstufe ist mittlerweile erreicht. Im nächsten Schritt könnten kapitalstarke Ketten die Preise für Patienten vorübergehend senken, um verbleibende Konkurrenten zu verdrängen. Da Konzerne wie die Jacobs Holding AG über nahezu unbegrenztes Kapital für den Konkurrenzkampf verfügen, ist absehbar, wer den längeren Atem hat. Ein solcher Verdrängungswettbewerb hat viele Verlierer und wenige Gewinner zur Folge. Praxen werden reihenweise schließen müssen, da sie den Investoren wirtschaftlich nicht gewachsen sind. Beispiele dafür bekamen wir in Großbritannien zu sehen.

Wenn die Marktherrschaft erst etabliert ist, könnten sich bald die Kosten für Patienten drastisch erhöhen, die Löhne für angestellte Zahnärzte sinken, Behandlungspläne betriebswirtschaftlich optimiert werden. Es könnten schlechter bezahlte Zahnärzte aus dem Ausland angeheuert werden, um die Kosten weiter zu senken, die Herstellung von Zahntechnik weitestgehend ins Ausland verlagert werden. Unternehmen wie die Jacobs Holding AG verfolgen augenscheinlich langfristige Ziele, nämlich einen möglichst großen Marktanteil, wenn nicht sogar eine Monopolstellung zu erreichen.

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Unternehmen wie die Jacobs Holding AG verfolgen augenscheinlich langfristige Ziele, nämlich einen möglichst großen Marktanteil, wenn nicht sogar eine Monopolstellung zu erreichen.

Ein Interessenskonflikt zwischen Zahnärzten und Fremdinvestoren entstünde in dem Moment, wenn das Interesse der Zahnärzte für das Wohl ihrer Patienten sich dem Interesse der Investoren nach einer steigenden Rendite unterordnen muss. Die Jacobs Holding AG hat zudem ein weiteres großes Unternehmen im Portfolio: Garry Callebaut, ein global führender Hersteller für Schokolade und Kakaoprodukte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Teile der Zahnärzteschaft fordern nun, die früher bestehenden Regularien wiederherzustellen,
alles soll wieder so werden wie es früher war. Solche Forderungen sind aus unserer Sicht in Teilen obsolet. Die Zeit kann nicht zurückgedreht werden.

Wir fordern:

  • Die rechtlichen Rahmenbedingungen, welche die Ausübung von zahnmedizinischen Mehrbehandlerpraxen und das Management mehrerer Praxen ermöglichen und erleichtern, müssen weiterhin bestehen bleiben. Allerdings muss gewährleistet sein, dass in solchen Praxen zuoberst das Wohl der Patienten steht.
  • Fremdbesitz und fachfremde Steuerung der zahnmedizinischen Versorgung muss folglich strikt entgegengetreten werden. Gleichzeitig müssen angestellte Zahnärzte ausreichend geschützt werden.
  • Die Vertretung angestellter Zahnärzte gehört ausschließlich in die Hände der Standesvertretung der Zahnärzteschaft und darf keinen intransparenten Vereinigungen überlassen werden.
  • Der weibliche Zahnärzte-Nachwuchs sollte bezüglich einer Praxisübernahme und -gründung so gut wie möglich gefördert werden.

Nach unserer Einschätzung kann man nur durch die aufgeführten Maßnahmen sowohl dem Wohl der Patienten als auch den Berufswünschen kommender Generationen von Zahnärzten gerecht werden.

Dass ein Verbot von Fremdbesitz und Fremdbeteiligung tatsächlich vom Berufsstand in die Wege geleitet werden kann, beweist die Rechtsanwaltskammer:
Sie hat ein entsprechendes Verbot zum Schutz deutscher Kanzleien und Rechtsanwälte erfolgreich durchgesetzt.

Selbst wir als Studenten erkennen die eben beschriebene Entwicklung. Die Haltung der Bundeszahnärztekammer dazu finden wir nicht nachvollziehbar. Es ist so, dass keine aktuellen Amtsträger, sondern die junge Generation die Folgen einer Vernachlässigung der Grundfesten unseres Berufsstandes ausbaden muss.
Umso mehr fühlen wir uns vom eigenen Berufsstand verraten und verkauft.

 

Autoren: Marcel Akdenizli und Konstantin L. Schrader

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